31.07.2006 10:45
joaquin unregistriert
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Wenn alte Männer zusammenkommen schwärmen sie oft von vergangenen Zeiten, als man noch die Welt aus den Angeln heben konnte (sofern man nur wollte) und wo man Leistungen erbracht hat, die einem heute wie von einem anderen Stern vorkommen. Oft enden solche Treffen dann mit den Worten “man könnte doch mal” und “man müsste mal wieder”.
In unserem konkreten Fall heisst das: man könnte doch eines der grossartigsten Radteams, das je auf diesem Planeten existiert hat, wiederauferstehen lassen – TEAM FARRUTX; die roten Blitze. 
Und welcher Tag wäre geeigneter für eine Farrutx-Gedächtnisfahrt, als der Cyclassics-Tag, als vor mittlerweile 9 Jahren nur Beschiss unseren Triumph in der Mannschaftswertung verhindert hat 
- natürlich keiner.
Da wäre ich natürlich sofort dabei, gäbe es nicht ein klitzekleines Problem. Aufgrund massiver Augenprobleme bin ich momentan für schnelles Fahren in der Gruppe völlig ungeeignet. 
Aber es gibt eine Lösung 
: ich nehme einfach auf dem Rücksitz von C.s Tandem Platz und kann so meine Bombenform einbringen, ohne mich und andere zu gefährden.
“Kleines” Problem dabei: der Hinterbau des Tandems ist auf die Masse von C.s zwergwüchsiger Freundin ausgelegt. Fraglich, ob die Verstellmöglichkeiten ausreichen, um eine akzeptable Position für mich zu ermöglichen. Da hilft nur ausprobieren, und so erscheine ich Freitag abend zur Testfahrt.
Zuerst wird nur die verbaute Federsattelstütze bis zum Maximum herausgezogen und der “Lenker” (der seinem Namen wohl kaum Ehre macht) bis zum Anschlag nach vorne geschoben. Bei einer Sitzprobe sinken Stütze und omamässig gepolsterter Sattel tief nach unten, meine Knie streifen beinahe die Ohren. 
So hat das keinen Sinn – eine extralange Tune-Stütze und ein fizik-Arione-Sattel werden verbaut. Erneute Sitzprobe – schon viiieeel besser, bereit zur Probefahrt!
Also aufgestiegen, rechter Fuss eingeklickt, und schon geht es los. Erster Eindruck: Schmerz 
, als mir das linke Pedal in die Achilles-Sehne knallt. C. hat zügig Fahrt aufgenommen, die Kurbeln drehen sich flott und ich schaffe einfach den Einstieg ins zweite Pedal nicht. 
Fazit: man sollte koordiniert und langsam losfahren und dann erst richtig beschleunigen. Zweiter Eindruck: die Möglichkeit zu lenken oder zu bremsen vermisse ich sehr. Man ist auf Gedeih und Verderb dem Steuermann ausgeliefert, und als C. erst diagonal die Fahrbahn kreuzt und anschliessend zügig auf eine dunkelgelbe Ampel zuhält bricht mir zusätzlich zur Hitze-Transpiration auch noch der Angstschweiss aus. 
Ansonsten bin ich angenehm überrascht davon, wie flott man trotz des langen Radstands mit dem Teil um die Ecken kommt.. Dem sonntäglichen Event steht von unserer Seite aus nichts im Wege.
Bei den anderen sieht es da schon viel schlechter aus. Von den einstigen “Glorreichen Zehn” sind drei mittlerweile weggezogen, zwei im Urlaub, einer familiär eingebunden und einer auf sonntäglicher Wohnungssuche, nachdem ihn seine Freundin rausgeschmissen hat. 
Also machen sich zur grossen Revival-Tour am frühen Sonntag morgen lediglich drei Nasen auf die Reise, davon zwei Mann auf einem Rad.
Mit dem Regional-Express geht es zunächst bis Oranienburg. Dort werden letzte Einstellungsarbeiten wie zusätzlichen Flaschenhalter anschrauben vorgenommen – und dabei die Entdeckung gemacht, dass die Sattelstütze schon ein klein wenig über den maximal erlaubten Bereich hinausgezogen ist. 
Aber was soll’s: ein bisschen Vertrauen in südbadische Ingenieurskunst muss schon sein (das Wort “Gottvertrauen” vermeide ich an dieser Stelle bewusst, damit mir nicht wieder permanent mit der 
vor der Nase herumgewedelt wird), und nachdem M. noch vergeblich im Bahnhofs-Blumenladen nach Wasser gefragt hat (die Verkäuferin verwiess ihn auf eine gefüllte Giesskanne 
, aber sein Bedarf an Wachstumshormonen war schon gedeckt) kamen wir endlich los.
M. hatte ohnehin schlechte Karten, da er von uns dreien vermutlich der unfitteste war, und C. und ich zusätzlich noch “die Kraft der zwei Herzen” aufzubieten hatten. Deshalb klemmte er sich von Beginn an in unseren (meinen 
) Windschatten, während wir schnell Speed aufnahmen und über die Brandenburger Alleen heizten. Für mich echt ein tolles Gefühl, richtig Gas geben zu können ohne ein stetiges latentes Unsicherheitsgefühl, dass man ein Schlagloch, einen Ast oder ein anderes plötzlich auftauchendes Hindernis übersehen könnte. C: sagte zu Beginn auch noch jede kleine Bodenwelle , jedes Loch, Schienen usw. an, weil er meinte, dass die gefederte Sattelstütze schon Sinn machte, da man als Hintermann nichts sieht und auf Schläge nicht reagieren kann. Aber wir hatten relativ breite Reifen aufgezogen, plötzliche Schläge bin ich von meinen Solo-Blindfahrten gewöhnt, und ausserdem hat sich mein fünfter Lendenwirbel seit fast zwei Jahren nicht mehr gemeldet – also alles völlig easy. Und die Frage an unseren “Schattenmann”, ob das Tempo für ihn okay sei, beantwortete dieser mit einem gekeuchten “Klar! Das halte ich locker 10 Minuten durch.” 
Nun wird auch klar, warum er den dresscode verletzt und nicht im knallroten Teamtrikot erschienen ist – er wollte sich wohl das Gespött früherer Jahre ersparen, wenn sein Kopf unter Anstrengung die Farbe des Trikots angenommen hat.
C. und ich harmonierten ziemlich gut, die Trittfrequenz war okay (obwohl ich solo noch ein wenig schneller gekurbelt hätte) und das Tempo lag wohl immer zwischen 35 und 40 km/h, obwohl wir mässigen Gegenwind hatten. Über Kremmen ging es nach Sommerfeld, wo es die erste Bewährungsprobe gab: ein knapp einen Kilometer langes Kopfsteinpflasterstück der übleren Sorte. Kurze Verständigung, dann wird ein dicker Gang aufgelegt und kräftig durchgedrückt. Mit Highspeed fliegen wir über die “cobbles”, und von unserem “Lutscher” ist alsbald nichts mehr zu sehen. 
C. ermahnt mich noch, an die etwas überstrapazierte Sattelstütze zu denken, aber als ausgewiesener Pavé-Experte stehe ich eh fast mehr in den Pedalen, als dass ich sitze.
Am Ortsausgang Sommerfeld warten wir auf unseren “Tender”, der sein Rad scheinbar über das Pflaster getragen hat, dann geht es weiter. Kurzfristig übernimmt M. die Führung und wird von einem entgegenkommenden Rennradler gegrüsst. Uns auf dem Tandem würdigt er allerdings keines Blickes, worüber sich C. mokiert. Mir ist dieser spiessige Gruss-Zwang aber sowieso zuwider. Über Beetz und Herzberg geht es nach Lindow am schönen Wutzsee, der schon bei Theodor Fontane eine Rolle spielte. (Ich weiss allerdings nicht mehr welche – alles viel zu lange her.) Wir fliegen förmlich durch die einsamen Alleen – Spassfaktor sehr hoch – und alsbald erreichen wir Rheinsberg.
In diesem Touristenort ist schon etwas mehr los: Knapp bekleidete Fussgänger 
bevölkern die Bürgersteige, Kinder quengeln, aus Autos wummern Bässe und dröhnen unglaublich schlechte Hiphop-Texte, Pferde mit Kutschen klappern über den Asphalt. Wir legen ein Päuschen ein und laben uns an Eis, Erdbeerkuchen und Eierkuchen mit Blaubeeren – det ham wer uns verdient. Wir haben 60 Kilometer gefahren, und der Schnitt liegt trotz Anfahrt durch den Stadtverkehr und Rumgeschiebe auf dem Bahnhof über 34 km/h.
Nun beginnt der schönste Abschnitt der Tour. Durch die zahlreichen Mecklenburgischen Seen geht es dahin, die Architektur ist schon sehr nordisch. Kollege D. schwärmt ja immer sehr von der Mecklenburgischen Seenplatte und gibt als Hauptgrund immer an sie wäre “erfreulich menschenleer”. Das wiederum können wir gar nicht bestätigen. Der Verkehr hat im Vergleich zum Beginn der Tour doch stark zugenommen, und bald kommen auch wieder erste Unfreundlichkeiten wie Hupen, Schneiden oder “Radweg!”-Geblöke. Das stört uns aber alles nicht, wir sind hier um uns zu amüsieren. 
Und ausserdem biegen wir hinter Wesenberg ohnehin auf den touristischen Seen-Radweg ab. Dort haben wir das Sagen, und Autos sind nur geduldet. (Könnte eigentlich überall so sein). 
Vorbei am Grossen Labussee, Useriner See und Zierker See erreichen wir schliesslich Neustrelitz (den Abstecher zur Müritz müssen wir leider streichen, da es sich laut Auskunft anderer Radler um einen schwer befahrbaren Sandweg handeln soll). Der Schnitt hat ein wenig gelitten, aber der Entspannungsfaktor war ungemein hoch. Ausserdem mussten wir an kleinen eingestreuten “Bergwertungen” erkennen, dass uns der Single-Radler da überlegen ist. Bis wir uns koordiniert hatten, dickergeschaltet und im Weiegetritt hochgestapft sind war er meist schon oben – bis auf ein mal, wo er zwischendurch verhungert ist und ich ordentlich reintrat, als ich das bemerkt hatte. Da klappte aber das Zusammenspiel mit meinem Steuermann nicht, und ich hätte uns beinahe auf den Kollegen hintendraufgeschoben.
In Neustrelitz sind wir ein wenig auf dem zentralen Marktplatz abgehangen, dann ging esweiter Richtung Fürstenberg. Da wir erstmals an diesem Tag Rückenwind hatten wollten wir gleichmal ausprobieren, wie schnell wir im Flachen mit dem Gerät fahren können, und mussten feststellen: so ab etwa 45 Sachen wird es sehr schwierig, das Tempo weiter zu steigern. Als limitierende Faktoren kommen die breiten 26”-Reifen und die ungünstige Position (MTB-Lenker) des Vordermannes in Betracht - vor allem aber, dass mit zunehmender Belastung die Koordination schwieriger wird. Die vier Pleuelstangen laufen nicht mehr perfekt synchron, und wir bremsen uns quasi gegenseitig.
Irgendwann bemerkt M., dass beim Tandem das Satteltäschchen offensteht, und es fühlt sich auch ziemlich leer an. Zwar halb so wild, schliesslich fehlen nur Geld und Schlüsselbund 
, aber wir müssen doch wieder zurück und suchen. Unterwegs haben wir ein paar seltsame Begegnungen mit Mecklenburger Jugendlichen, aber 
sonst 
An unserem “Rastplatz” werden wir tatsächlich fündig. Alles noch da – der Meck-Pommer ist doch besser als sein Ruf 
– und die Ladung haben wir tatsächlich schon beim “Startsprung” vom Bürgersteig verloren.
Noch einmal nehmen wir die Speedstrecke unter die Räder, bevor wir die Tour an einem namenlosen See kurz vor Fürstenberg ausklingen lassen. Das Wasser ist pisswarm und natüurtrüb 
– aber trotzdem sehr entspannend. In Fürstenberg quetschen wir uns schliesslich mit Müh und Not in den bereits übefüllten, von der Ostsee kommenden, Regionalexpress. Eine grössere Gruppe von Skinheads sorgt bis Berlin für unsere Unterhaltung 
. Zum Glück keine Nazis, sondern “working class heroes”. Bis auf dass sie den ganzen Waggon vollquarzen und ihren extrem schlechten Musikgeschmack sind sie eigentlich nett und harmlos.
Alles in allem war es mal wieder “jut jewesen” und schreit förmlich nach einer Wiederholung.
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31.07.2006 21:35
le coq sportif
Då som nu för alltid

Dabei seit: 13.05.2006
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| RE: Zwei Mann auf einem Rad
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31.07.2006 22:39
Niggel
Möchtegern-Bergziege

Dabei seit: 03.10.2003
Herkunft: zwischen Saar und Mosel, in der Nähe von Trier Fan von: Jedem, der schnell den Berg hinauffahren kann.
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| RE: Zwei Mann auf einem Rad
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Wie immer, sehr unterhaltend und kurzweilig geschrieben.
So ein Tandem hat es durchaus in sich. Ich hatte schon gelegentlich ein gut koordiniertes Gespann unterschätzt.
__________________ Noch ist nicht geklärt, wie das Fahrradfahren derart zur Mode werden konnte, denn es ist vernünftig, und es ist weder geil noch sexy noch erotisch.
Joseph von Westfalen in: Das Leben ist hart
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01.08.2006 02:15
diamant
Lokomotive

Dabei seit: 24.05.2006
Herkunft: Leipzig Fan von: J.U., L.A., "Die Simpsons"
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| RE: Zwei Mann auf einem Rad
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Interessanter Bericht
Was hatte das mit dem Beschiß vor 9 Jahren auf sich?
__________________ Homer: "Ich trinke nie wieder Bier."
Verkäufer: "Bier, Bier..."
Homer: "Ich nehm 10!"
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02.08.2006 11:33
joaquin unregistriert
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| RE: Zwei Mann auf einem Rad
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Damals erfolgte die Zeitnahme noch nicht durch Transponder, sondern man bekam ein Plastik-Kärtchen mit Strichcode, das im Ziel abgelesen werden sollte. Für diese Aufgabe hatten sie scheinbar ein paar Sonderschüler engagiert, die restlos überfordert waren.
Als die Spitzengruppe (mit sämtlichen Farrutx-Fahrern 
) ins Ziel stürmte, fragte so ein Trottel mit Lesestift in der Hand, welche Strecke wir gefahren seien. Auf die Antwort "170 natürlich!" schickte er uns weiter, ohne das Kärtchen abgelesen zu haben. Wir dachten, es käme dann noch ein Kollege von ihm, der für uns "zuständig" sei - war aber nicht so. 
Also durch den mittlerweile eingetroffenen Riesenpulk wieder zurückgekämpft und den Typen zusammengestaucht, woraufhin der Kleinlaut seinen Stift in Aktion treten liess. Hat jeden von uns ca 4 Minuten Zeit gekostet.
Zwei Teamkollegen sind dann später noch mal hingegangen und haben (mit dem Fahrrad-Computer als Beleg für ihre Fahrzeit) ihre Zeiten korrigieren lassen. Mir war das zu blöde, aber als wir nach ein paar Wochen die Ergebnislisten zugeschickt bekamen ("online" war damals noch ein Fremdwort) undr in der Teamwertung mit nur einer Minute Rückstand auf Platz 2 lagen habe ich mich doch ein wenig geärgert.
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02.08.2006 12:15
Glgnfz
Illuminatus

Dabei seit: 29.12.2001
Herkunft: Lehmen Fan von: Leuten, die durchaus auch arbeiten...
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RE: Zwei Mann auf einem Rad
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| Zitat: |
Original von joaquin
Für diese Aufgabe hatten sie scheinbar ein paar Sonderschüler engagiert, die restlos überfordert waren.
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das heißt jetzt "förderschüler"!
btw: netter bericht!
__________________ Hier könnte Ihre Signatur stehen!
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31.07.2006 23:07
paristours unregistriert
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Wäre das nicht so, dass man annähernd doppelt so schnell fahren kann, 60km/h im Schnitt auf einem Tandem-Rennrad?
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02.08.2006 15:14
paristours unregistriert
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Wie schnell kann man den im Schnitt auf einem Tandem fahren auf einer flachen Strasse ohen Wind, falls man perfekt zueinander passt?
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11.09.2006 15:04
joaquin unregistriert
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Nach der bestandenen Anfänger-Prüfung im Tandem-Fahren stand am Wochenende die Fortgeschrittenen-Lektion auf dem Plan: “Schnelles Fahren in der Gruppe”. Reichlich Gelegenheit dazu boten die Veranstaltungen des BRC Semper.
Zwar hatte ich mit dem samstäglichen Oderbruch-Marathon noch eine Rechnung offen 
, aber mein umtriebiger Pilot hatte da keine Zeit – und ausserdem jammert er immer über Sitzprobleme bei längeren Strecken. Somit peilten wir die 160-Kilometer-Strecke am Sonntag an – mit der Option, bei streikendem Sitzfleisch gegebenenfalls abzukürzen.
Also schlug ich Sonntag morgen um 8 Uhr (pünktlich!, obwohl ich erst noch meinen Helm suchen und die darauf befindliche Staubschicht abwischen musste 
) im Prenzlauer Berg auf, um letzte Abstimmungsarbeiten am Boliden vorzunehmen. Veränderungen gegenüber der letzten Tour: der Pilot hatte sich den Aliante-Sattel unter den Nagel gerissen, weil er darauf besser zu sitzen hoffte. Ich durfte dafür auf einem Flite Platz nehmen – eine späte Premiere für mich. Statt der Tune-Stütze, deren Länge (oder Kürze) doch etwas zu heikel gewesen war, wurde eine Syncros-MTB-Stütze verbaut. Die habe ich unter den entsetzten Blicken von C. gleich mal wieder 1,5 cm weiter herausgezogen – dabei hatte er sie doch nach seinen (längeren) Beinen eingestellt. 
Die neuerdings angebrachten Schutzbleche hätte ich am liebsten noch abgeschraubt – das Auge fährt schliesslich mit 
– aber dafür war keine Zeit mehr. Auf ging es Richtung Startort Marzahn, wo wir eine halbe Stunde später eintrudelten. “Hier könnte ich nicht wohnen. Wenn ich da nach einem Bierchen zu viel aus der Kneipe käme würde ich niemals meine eigene Haustür finden.” waren meine Gedanken zu den vielen Plattenbauten, die sich wie ein Ei dem anderen glichen.
Am Start trafen wir noch ein paar velophile Bekannte, die bereits den Marathon vom Vortag in den Beinen hatten und sich noch unschlüssig über ihre heutige “Taktik” waren – je nach Zustand der Beine wollten sie eventuell eine Gruppe “fahren lassen” (was insbesondere bei F. schon einiges heisst 
) oder gar auf 120 km abkürzen. Auch ein zweites Tandem stand noch am Start. Das Pärchen darauf hatte aber von vornherein maximal die 111-km-Strecke, wahrscheinlich nur die 71, geplant – nicht unsere Liga.
Pünktlich um 9 setzte sich der Tross in Bewegung. Ein schönes Bild, wie sich das Peloton wie ein Lindwurm um Kurven und polizeigesperrte Abzweigungen schlängelt. Ansonsten ist es wie immer: innerhalb bebauten Gebietes “neutralisierte” Fahrt in gemässigtem Tempo, aber sobald halbwegs freies Gelände erreicht ist scheint jemand eine imaginäre Startflagge zu schwenken, und das “Rennen” ist eröffnet.
Zunächst in der hinteren Hälfte des Pulks gestartet finden wir uns alsbald auf der Überholspur wieder und sortieren uns bei unseren Bekannten im vorderen Viertel ein. Die Fahrer an der Spitze des Feldes scheinen eine frühe Selektion herbeiführen zu wollen, denn an jeder Welle und nach jeder Kurve wird das Tempo gnadenlos in die Höhe getrieben. 
Für uns besonders fatal, da wir unseren trägen Tanker nicht so schnell auf Tempo kriegen und jedesmal ein kleines Loch reissen lassen müssen. Nach dem Schliessen der Lücken wird dann die gesamte investierte Energie mittels Bremsung sinnlos vernichtet – eine äusserst unökonomische Fahrweise, und für mich, der ich stolz darauf bin, beim Fahren im Feld so gut wie nie die Bremshebel zu benutzen, ein ganz besonderer Jammer. 
Ausserdem sind wir nach einer Kurve auf die rechte Seite hinübergewechselt – bei Kantenwind von rechts keine schlaue Idee, und mit unserem “Long Vehicle” haben wir auch keine Chance, uns zwischen den anderen hindurch auf die windabgewandte Seite zu schlängeln. So fahren wir einerseits permanent im Wind, kommen aber andererseits, da sich das Feld nach links auffächert, auf der “leeren” rechten Seite fast bis an die Spitze. Wir überlegen kurz, ob wir vorne rausfahren sollen, um uns auf der anderen Seite wieder zurückfallen zu lassen – aber das wäre wohl ein zu gewagtes Manöver.
Das Windkantenfahren und die höllischen Tempointervalle bewirken jedenfalls, dass es hinten bereits mächtig bröselt – und auch ich muss mich einigermassen zusammennehmen, um meinem Blindenhund nicht in die Trikottaschen zu göbern. Seit dem Start sind erst 25 km vergangen, und schon frage ich mich, ob der Sonntag mit ausschlafen, gemütlich frühstücken und mit einem Buch in den Park legen nicht besser verbracht worden wäre.
Glücklicherweise kommt bald die erste Kontrollstelle – Zeit, um etwas durchzupusten. Die besonders eiligen sitzen jedoch sofort wieder auf dem Rad, andere (auch von unseren Bekannten) streichen die Segel und wollen die Gruppe ziehenlassen. Wir rollen zunächst etwas unentschlossen hinterher, doch F. gibt das Kommando: “Wir fahren da wieder ran!” Das ist dann unser Job. Nachdem uns F. auf das richtige Tempo beschleunigt hat rollen wir wie eine Lokomotive (mit zahlreichen Anhängern), und schon nach relativ kurzer Zeit ist die Spitze wieder gestellt. 
Das Tempo ist jetzt dank Rückenwind noch höher, und an den Wellen platzen diejenigen Fahrer weg, die sich nur durch Auslassen der Kontrolle so weit vorne halten konnten. Die Spitzengruppe (ca 15 Mann) steht damit endgültig, und da ich auf den Abfahrten auch meine ganz speziellen Eigenschaften als offizieller c4f-Abspecker in die “Waagschale” 
werfen kann sorgen wir dort für das Tempo. 63 Sachen ruft mir C. irgendwann als Geschwindigkeit zu – nicht schlecht für 44/11 als grösste Übersetzung. Aber ob das der v/max des Tages war lässt sich hinterher nicht mehr feststellen. Der Cateye 
weist als Tageshöchsgeschwindigkeit 132,5 km/h aus. 
Gibt es eigentlich irgendwo auf diesem Planeten einen cateye-Tacho, der korrekt funktioniert?
Während der Schussfahrt hinunter nach Eberswalde übersieht C. in gewohnter Manier eine dunkelgelbe Ampel, und so donnern wir mit nur noch zwei Begleitern durch die Stadt. Allerdings werden wir durch lahmarschige Autofahrer wieder ausgebremst. Unser Plan, uns bis zum Beginn des Anstiegs zum Oder-Havel-Kanal einen kleinen Vorsprung herauszuarbeiten, ist damit hinfällig – alle sind wieder dran. Aus der Stadt heraus wird dann ganz manierlich und in Zweierreihe gefahren – die Ruhe vor dem Sturm?
Kurz vor Beginn der Steigung sind wir dann wieder vorne. “Nicht schneller werden!” rufe ich C. zu, da mir seine Ei(un)genarten von zahlreichen Ausfahrten vertraut sind. Allerdings hört er nicht auf mich, der ich die Körner für den Berg aufsparen wollte, und so führen wir die Gruppe mit recht hohem Tempo in den Anstieg hinein. C.s Überlegung (falls es eine war 
) erweist sich jedoch als richtig – die anderen haben Respekt vor unserer Tempoarbeit, und zunächst wagt es niemand, uns zu überholen. Als die ersten dann vorbeifahren ist der Anstieg schon halb vorbei – jetzt gilt es allerdings: wir geben alles, mir wird fast schwarz vor Augen, immer mehr Leute überholen, doch nach endlos scheinender Zeit kommt der Kanal in Sicht. Geschafft! Relativ problemlos können wir hinten wieder anschliessen, und bis auf unseren Nebenmann in der Zweierreihe scheint der Berg auch keine Opfer gefordert zu haben.
Allerdings kommt oben auch bald die zweite Kontrollstelle – alle Anstrengungen waren also relativ unnötig 
,aber das kann man ja nie wissen. Nach sehr kurzem Aufenthalt geht es weiter. Die Strecke ist leicht abschüssig, und wir fahren vorne heraus. Da wir erstaunlicherweise auch die Spitzkehre hinunter nach Liepe und zum Schiffshwebewerk schneller nehmen als der Rest sind wir nach fast der Hälfte des Rennens plötzlich solo en tete – das hätte ich nie für möglich gehalten, und auch C. scheint übermütig zu werden. Er legt sich mächtig ins Zeug, um die anderen nicht herankommen zu lassen. Ich mahne zur Mässigung, da der noch fiesere Berg hinauf nach Hohenfinow schon am Horizont lauert – er hingegen will wieder auf Plan A (mit Vorsprung am Berg ankommen) zurückgreifen. Dazu ist es allerdings viel zu weit. In Niederfinow sind die anderen wieder dran, und mir schwant, dass wir für diesen Effort teuer bezahlen müssen. Schon geht es los: die ersten keulen in Pantani-Manier (Unterlenkerhaltung) den Berg hoch, andere gehen hinterher, und obwohl wir alles geben fallen wir immer weiter zurück. Nach der Kurve wird es etwas flacher, dafür steht jetzt voll der Wind drauf. Wir holen einige, die sich scheinbar übernommen haben, wieder ein – und auch die Spitze kommt wieder in Sichtweite. Das Ding ist noch nicht gegessen!
Oben in Hohenfinow geht es scharf links auf die Vorfahrtstrasse. Ein nach rechts abbiegender Hobbyradler irritiert jedoch meinen Piloten, und nach dem Kommando “links!” bremst er etwas zu abrupt. Unser Hintermann, der wohl auch der Ohnmacht recht nahe ist, reagiert zu spät, donnert in uns rein und legt sich lang. Zwangspause! Und obwohl ihm nichts ernsthaftes passiert ist wird sie noch dadurch verlängert, dass sich unser Schutzblech zusammengefaltet hat und uns am weiterfahren hindert. 
Hätte ich nur morgens aufs abmontieren bestanden – so werde ich wohl sterben müssen, ohne jemals wieder in einer Spitzengruppe das Ziel erreicht zu haben.
Nach diesem Zwischenfall ist die Luft irgendwie raus. Das Grüppchen der am Berg Abgehängten harmoniert nicht richtig, der Gegenwind nervt, ich spüre die Anstrengungen des Tages in den Beinen und wünsche mich in mein Bett zurück. Zwar spielen wir unterwegs “Staubsauger” und sammeln ein paar zurückgefallene Fahrer wieder ein, aber nach der nächsten Kontrollstelle fahren wir mit D., der auf uns gewartet hat, alleine in gemässigtem Tempo weiter. Die Ruhe währt jedoch nicht lange. Von hinten prescht der D-Zug wieder heran, und erneut beginnt eine üble Tempobolzerei. Wir mischen an vorderster Front mit, und schon bald hat sich das Grüppchen wieder halbiert. Meinem Partner, der, seit er mit dem Rauchen aufgehört hat, noch nervöser geworden ist und es nie länger als eine halbe Minute im Windschatten aushält, schwinden aber allmählich die Kräfte, und er fängt an über Herzschmerzen zu jammern. 
Die letzte Pause kommt deshalb wie gerufen, obwohl ich selbst inzwischen schon wieder Bäume ausreisen könnte.
Eine “bergab mit Rückenwind”-Passage sorgt für den letzten Temporausch des Tages. Mehr als vier oder fünf Leute , die die 160-km-Runde absolviert haben, dürften nicht vor uns liegen, und so könnten wir manierlich fahrend zufrieden ins Ziel rollen. Unsere Mitstreiter scheinen jedoch noch ein “Finale” ausfechten zu wollen – auf langsame Fahrweise folgen abrupte Tempoverschärfungen. Wir haben darauf aber keine Lust mehr, und als wir ein hilfloses Opfer der Defekthexe am Strassenrand sehen leisten wir noch Pannenhilfe.
Holprige Strassen und typische Brandenburger Autofahrer trüben auf den letzten Kilometern noch etwas den “sonnigen” Gesamteindruck des Tages, aber im Ziel kam das obligatorische “war mal wieda jut jewesen” aus vollem Herzen. Mit An- und Abfahrt 190 km im 35er Schnitt kommen in die Akten - nicht schlecht für zwei Männer im Herbst ihrer Karriere.
Dieses war also die Fortgeschrittenen-Lektion im Tandemfahren. Ob es dieses Jahr noch Lektion 3 (“Wie man alles in Grund und Boden fährt”) geben wird? 
Mal schauen, die traditionell windige und regnerische Fläming-Rundfahrt steht noch im Kalender.
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11.09.2006 16:32
MrsFlax
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Dabei seit: 09.03.2003
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11.09.2006 17:39
Flahute
orange butt

Dabei seit: 16.03.2006
Fan von: Doping-Gegnern
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11.09.2006 17:44
Flahute
orange butt

Dabei seit: 16.03.2006
Fan von: Doping-Gegnern
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16.10.2006 14:05
joaquin unregistriert
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Saisonende und Abschluss der Tandem-Trilogie. Eigentlich war die Teilnahme an der Fläming-RTF geplant gewesen – einer Veranstaltung, bei der des heftigen Windes wegen traditionellerweise die eine Hälfte der Strecke doppelt so schnell zurückgelegt wird wie die andere, und bei der wir mit der Kraft der zwei Herzen das Feld auf der Windkante komplett zerlegt hätten. Aber die Herbstwinde blieben aus, und da mein Captain am Samstag ohnehin keine Zeit hatte wählten wir für unsere letzte Unternehmu ng die RTF “Jenseits der Havel” einen Tag später.
Die Streckenlänge war mit 112 km sehr überschaubar, und da wir ausserdem noch unseren arabischen Freund M. zur Teilnahme überreden konnten, der mit ca 150 Jahreskilometern nicht ganz optimal vorbereitet war, stand ein eher gemütlicher Saisonausklang auf dem Programm. Und so trafen wir uns ganz gemütlich (trotz Protesten meinerseits) am Bahnhof Jungfern heide – so gemütlich, dass wir erst einmal verspätet am Start erschienen und ein Peleton von angeblich 150 Leuten ohne uns auf die Reise gegangen war. 
Mit uns starteten noch drei Nachzügler, darunter ein Typ mit einem sehr hübschen, sehr blauen Trek-OCLV-Rahmen. 
Der Plan, mit einem kleinen harmonierenden Grüppchen doch noch Anschluss ans Feld zu finden scheiterte aber schon im Ansatz, da von unseren Mittrödlern trotz gedämpfter Fahrweise durch die Stadt schon nach ca. einem Kilometer nichts mehr zu sehen war – mal wieder ein typischer Fall von “Carbon-Poser”.
Locker plaudernd ging es also über Brieselang und den Havelkanal dahin. Hatten wir uns wenige Tage zuvor noch Gedanken über die optimale Bekleidung gemacht, da es morgens immer sehr frisch und mittags sommerlich warm gewesen war, so standen die Zeichen nun eindeutig auf Herbst: das gesamte Wochenende war neblig-trüb und mit Höchsttemperaturen von 10° nicht sehr gut beheizt. Ich hatte mich für Armlinge, Windweste und Mütze unterm Helm entschieden, und die 2/3-Hose liess die frisch rasierten Waden frösteln. Da war es mir ganz recht, dass der erste Kontrollpunkt schon nach 21 km kam – und dort heisser Tee ausgeschenkt wurde.
Dort sahen wir gerade noch die Nachhut des Feldes entschwinden. Einige waren allerdings schon jetzt so erschöpft und hungrig, dass sie eine längere Pause einlegen mussten. 
Wir rollten alsbald weiter, und liessen auch ein paar Lutscher, die sich angehängt hatten, zurück. M. fehlte auch irgendwann die Puste zum quatschen und er hängte sich in unseren Windschatten. So erhöhten wir langsam ein wenig das Tempo und hatten bald darauf eine grössere Gruppe von ca 30 Leuten im Visier. Mir entfuhr ein entsetztes “Mein Gott, sind die langsam!”, und in Sekundenbruchteilen waren wir an ihnen vorbei. 
Mein Captain klärte mich allerdings darüber auf, dass wir mit etwa 40 Sachen unterwegs wären und die Gruppe auch etwa 33 fahren würde. Das Tempogefühl leidet doch ein wenig, wenn man die ganze Zeit über keinen Fahrtwind spürt.
Auch unser Begleiter auf dem Solo-Renner mahnte jetzt ein etwas ruhigeres Tempo an, und sein Wunsch war uns Befehl. Trotzdem hatten wir schon bald darauf die nächste grössere Gruppe vor uns – diesmal mindestens 40 Personen. Wir hängten uns hintendran und konnten so nebeneinander fahren, Neuigkeiten und Kabbeleien austauschen, ohne dass sich unser Kollege im Wind abstrampeln musste.
Irgendwann war uns das 30er-Getrödel dann aber doch zu langsam, und den Anstieg an einer Autobahn-Brücke nutzten wir zur Attacke. Da es nicht mehr weit bis zum zweiten Kontrollpunkt war hatten wir eigentlich gedacht, dass unser Freund in der Gruppe bleibt – aber er blieb tapfer an uns dran. Umso besser – so konnten wir uns die Pause sparen und wurden nicht kalt.. Und als Stoker hatte ich dennoch genügend Musse zur Betrachtung von Kranichen, Lamas, gigantischen LPG-Kartoffelfeldern und Champignon-Fabriken 
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Irgendwann musste allerdings der Tee wieder raus, und nach der kurzen Pause hatten wir Zuwachs von hinten bekommen. Das ärgerte und spornte meinen Captain so an, dass er mächtig auf die Tube drückte. Ein Tempo zu finden, bei dem wir unseren Begleiter nicht verlieren, die anderen aber wieder abhängen können, erwies sich jedoch als unmöglich. Und so wurde der Schwanz hinter uns immer länger, da wir mehr und mehr kleinere Grüppchen auffuhren, von denen einige hinten andocken konnten. Das Röcheln von M. wurde dabei immer lauter, und auch mir wurde allmählich ziemlich warm. 
Zweimal mussten wir ihm schon gut zureden, damit er nicht ausschert und kapituliert, aber zu seinem Glück kam nach einem kleinen fiesen Anstieg endlich der letzte Kontrollpunkt.
Dort warteten tatsächlich einige, bis wir das Rennen wieder aufgenommen hatten, damit wir ihnen als Schrittmacher dienen konnten. Nicht alle hatten ihre Kräfte dabei richtig eingeschätzt, denn nach einem langgezogenen Anstieg bei Fahrland hatten wir statt eines Dutzend plötzlich nur noch drei Begleiter. (Mein Captain wunderte sich später im Ziel darüber, da er selbst die Kurbel kaum noch herumbekommen hätte. Meine Frage, warum er denn nicht geschaltet hätte, beantwortete er mit der Gegenfrage, warum ich ihn nicht daran erinnert hätte. 
Manche Menschen scheinen nicht einmal selbständig atmen zu können. 
)
Über die B2 ging es wieder nach Spandau hinein – der einzig unangenehme Teil der Strecke. Durchgeknallte Autorennfahrer gingen ihrem kranken Hobby nach (vermutlich alle vehemente Befürworter einer Helmpflicht für Radfahrer) und liessen uns um unser Leben fürchten, aber schliesslich kamen wir doch heil im Ziel an.
Schön war’s wieder. Aber vermutlich die letzte Tour mit der Kraft der zwei Herzen. Es sei denn – C. hat beim Abschied irgendwas gemurmelt, das sich wie “vielleicht doch ein Renntandem anschaffen” anhörte.
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17.10.2006 20:49
Rakete unregistriert
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So ein Renntandem ist doch bestimmt ziemlich cool für Schrittmachertraining, auch auf der Bahn!
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