Am Beginn dieser Geschichte steht eine Geburtstagsfeier Anfang März, auf der vier Männern mit einem schon etwas erhöhten Alkoholpegel eine bierselige, aber dafür umso folgenschwerere Wette eingingen: Wir schlugen alle ein, dass wir den diesjährigen Berlin-Marathon in Angriff nehmen wollen...

Die Tatsache, dass zwei der Kandidaten ambitionierte Hobbyläufer sind, von denen einer den Marathon sogar schon in drei Stunden geschafft hatte, konnte mich nicht schrecken; ebenso wenig die Tatsache, dass die vierte Person wegen "Trainingsrückstandes" ihre Teilnahme später wieder zurückzog...
http://www.clicksmilies.com/s0105/grinser/grinning-smiley-021.gif Ich hatte theoretisch ja ein halbes Jahr Zeit, mich auf diesen "Saison-Höhepunkt" vorzubereiten. Wie gesagt, theoretisch...

Denn neben so elementaren Aspekten wie einem geregelten Arbeitsverhältnis standen einem ebenso geregelten Lauftraining v.a. zwei Dinge entgegen: mein Credo "das Wochenende gehört dem Rennrad", welches ich erst drei Wochen vor Ultimo über Bord warf, sowie leider allzu oft das laute Kläffen des inneren Schweinehundes...

Letzten Endes hatte ich keine Trainingseinheit bestritten, die länger als 20 Kilometer war, und so verspürte ich am Start neben leichter Aufregung und Vorfreude ein etwas mulmiges Gefühl. Für die Hälfte der Distanz würde es locker reichen, aber was ist mit dem Rest?...
Da ich also nicht mit Leistung glänzen konnte, hatte ich mir etwas anderes überlegt, um aus der Masse hervorzustechen und vielleicht ein wenig aufzufallen...

Als Oberteil hatte ich mein altes Bianchi-Trikot des Jahres 2003 (

) aus dem Schrank gekramt und auf dem Rücken mit dem hübschen Namenszug
"HIJO de RUDICIO" versehen...

Während des Laufes wurde ich dann prompt auch einige Male darauf angesprochen. Am meisten Aufmunterung konnte mir dabei der Zuruf
"Ulle, lass Dir nichts einreden! Du bist nicht gedopt!" spenden...
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Als Rookie musste ich mich, dem Reglement gehorchend, im hintersten Startblock einreihen, der erst 16 min nach den Spitzenläufern gestartet wurde, wie ich später erfuhr. Zu diesem Zeitpunkt dürfte Haile längst die 5 km-Marke passiert haben...

Und da ich auch in meinem Startblock eher hinten stand, dauerte es weitere 5 min, bis ich die Startlinie samt Zeiterfassungsmatte passiert hatte und es endlich losgehen konnte. Die ersten 20 km lief es dann erwartungsgemäß gut. Etwas anstrengend waren lediglich die vielen langsameren Läufer, die einen immer wieder zu kurzen Zwischensprints in die sich bietenden Lücken nötigten, da aufgrund der Masse an Läufern trotz breiter Straßen kaum Platz zum Überholen war. Ich war allerdings etwas verwundert darüber, dass es so viele Läufer gab, die noch langsamer als ich unterwegs waren, obwohl ich schon ein ziemlich gemäßigtes Tempo angeschlagen hatte. Den ersten Läufer, der eine Gehpause einlegen musste, konnte ich dabei schon nach 3 (!) km beobachten...

Die Karenzzeit von sechs Stunden, von der im Veranstalter-Prospekt die Rede war, dürfte nach meiner Einschätzung mit solch einem Tempo kaum zu schaffen sein...
Nach 10 km wurde die Straße dann endlich etwas freier bzw. war ich größtenteils von Läufern umgeben, die in etwa mein Tempo liefen. Die nächsten 10 km war es dann ein richtiges Vergnügen, kontinuierlich sein eigenes Tempo laufen zu können...

Ab dem Halbmarathon-Punkt stieß ich dann in die ungewohnten Regionen vor, und wie auf Befehl begann mein Körper, allmählich müde zu werden

; als ob mir jemand langsam aber stetig Zement in die Beine gießen würde. Sie wurden von Kilometer zu Kilometer immer schwerer und fester und auch steifer und unbeweglicher...

Immerhin bekam ich nun moralische Unterstützung von meiner "Soigneuse", die mich bei km 23 mit einem Getränk empfing und auch gleich fotografierte, sowie bei km 27 kurz hinter dem Wilden Eber ein kleines Stück neben mir herlief. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle...
Trotzdem sollte nun der Teil des Leidens beginnen. Bei km 29 musste ich die erste Gehpause einlegen, und beim Ausschütteln der Beine schoss mir augenblicklich ein höllischer Krampf in den linken Oberschenkel. Gott sei Dank verschwand dieser gleich wieder, da ich sofort stehen blieb und das Bein durchdrückte. Bei km 32 folgte die nächste kurze Gehpause, bei km 34 vor Wertheim am Ku'damm ein etwas längerer Aufenthalt bei meiner dort wartenden "Soigneuse", und zwischen km 35 und 36 schwand dann allmählich auch die bis dahin noch halbwegs intakte Moral dahin. Die Beine schmerzten unaufhörlich, die Gehpausen wurden immer häufiger und auch länger und die dazwischen liegenden Laufpassagen gleichzeitig immer kürzer. Bei km 37 hätte ich heulen können

, bei km 38 verfluchte ich den Marathon

, und bei km 39 schien dann endgültig der Ofen aus zu sein. Über einen Kilometer bis zum letzten Verpflegungspunkt bei km 40 konnte ich nur im Gehtempo bewältigen. Dort stärkte ich mich sichtlich unmotiviert mit einer halben Banane und setzte mich dann auch eher unwillentlich und v.a. etwas wacklig wieder in einen Laufschritt. Kurz darauf bog ich allerdings auf den Boulevard
Unter den Linden ein und konnte dort von weitem den Teufelslappen in Form eines magenta-farbenen Bogens erkennen...

Und offensichtlich schien dieser die alten Radfahrer-Instinkte in mir zu wecken, denn augenblicklich beschleunigte ich mein Tempo trotz der Schmerzen in den Beinen wieder. Ich wurde immer schneller und überholte viele der vor mir staksenden Läufer. Unter dem stürmischen Gebrüll der hier massenweise anwesenden Zuschauer flog ich förmlich die letzten ca. 500 bis 600 m ins Ziel...

Hinter der Ziellinie kam ich mir dann allerdings etwas verloren vor, denn nun war ich statt von enthusiastischen Anfeuerungen nur noch von erschöpften Läufern umgeben. Ein Bundeswehrsoldat, der mir gratulierte und mir die Finisher-Medaille um den Hals hängte, riss mich ein wenig aus meiner Apathie. Aber erst auf dem Nach-Hause-Weg reifte allmählich das Gefühl in mir, was ich an diesem Tag geleistet hatte.
Was bleibt als Fazit festzuhalten? Meine Annahme, dass ein Marathon für einen sportlichen Menschen im Prinzip schaffbar ist, hat sich bestätigt. Dass dieser jedoch alles andere als ein Spaziergang ist, ist mir ebenso klar geworden. Mit meiner Teilnahme habe ich mir jedenfalls einen Lebenstraum erfüllt – trotz einer "eher mäßigen" Zeit. Mit einer Nettozeit von 4:55 h habe ich dabei aber immerhin mein Minimalziel (neben dem puren Ankommen) erreichen können, nämlich unter fünf Stunden zu bleiben...

Eines steht damit jedoch unumstößlich fest: Sollte ich irgendwann wirklich noch mal einen Marathon laufen, dann nur mit wesentlich mehr Training in den Beinen – definitiv!
Impressionen:
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kurz hinter dem Innsbrucker Platz (km 23)
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Bülowstraße (ca. km 35)
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kurz vor dem Potsdamer Platz (km 37)
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Every society honours its live conformists and its dead troublemakers.
(Mignon McLaughlin)