Interview mit Sportpädagoge Thiele
Junge Athleten bleiben mit Problemen allein:
"Besteht auch die Gefahr, dass im Nachwuchsbereich gedopt wird?
Systematisches Dopen von Jugendlichen ist bei uns nur schwer vorstellbar - obwohl ich es auch nicht ausschließen möchte. Aber natürlich strahlt das Thema auch auf den Nachwuchsleistungssport aus. Denn was danach kommt, ist weitgehend dopingverseucht, diesen Eindruck muss man doch heute haben. Als junger Radfahrer zum Beispiel muss ich mit der Perspektive leben: Irgendwann komme ich in den Bereich, wo es ohne Doping nicht mehr geht. Akzeptiere ich das und mache mit, oder lasse ich es von vornherein bleiben? Diese Entscheidung darf man aber nicht den Kindern und Jugendlichen überlassen. Hier muss der Sport Lösungen finden. Doch das Thema wird weitestgehend tabuisiert, abgesehen von eher hilflosen Präventionsmaßnahmen, bei denen die Jugendlichen auf medizinische und ethische Folgen des Dopings hingewiesen werden. Das ist ein Beispiel dafür, dass die Athleten alleine gelassen werden mit Problemen, die eigentlich auch den Sport interessieren müssten. Alle wollen später Goldmedaillen sehen, aber welche Schwierigkeiten auf diesem Weg zu bewältigen sind, das ist dann das Problem der Sportler. Das ist nur schwer nachzuvollziehen. ....
ARD, Sport, 06.05.2008, Junge Athleten bleiben mit Problemen allein, Christian Mixa spricht mit Sportpädagoge Thiele.
http://sport.ard.de/sp/weitere/news20080...stungssport.jsp
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dazu allgemeiner:
" ... Doping ist eine Form "abweichenden Verhaltens" im Sport. "Abweichend" bedeutet, dass es gegen die Regeln verstößt. Wissenschaftler beschäftigen sich schon seit langem mit der Frage, wie solche Verhaltensweisen entstehen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Menschen Regeln vor allem dann brechen, wenn sie durch Personen, die den Regelbruch befürworten, beeinflusst werden. Der Umgang, den ein Mensch pflegt, trägt somit entscheidend zu der Beantwortung der Frage bei: Verhalte ich mich im Einklang mit den Regeln oder breche ich sie?
Es liegt auf der Hand, dass im Sport der Trainer eine entscheidende Rolle dabei spielt, ob sich Sportlerinnen und Sportler für oder gegen Doping entscheiden. Er ist für viele von ihnen die engste Vertrauensperson. Aber auch Kameraden, Ärzte, Physiotherapeuten, Manager und andere Personen rund um den Sport stellen wichtige Vertrauenspersonen dar, die eine solche Entscheidung "positiv wie negativ" beeinflussen können.
Je intensiver der Kontakt zwischen einer Vertrauensperson und der Athletin oder dem Athleten ist, desto mehr Einfluss übt diese bewusst oder unbewusst auf die Entscheidungen ihrer Schutzbefohlenen aus. Sind solche Vertrauenspersonen Dopinggegner, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass Sportlerinnen und Sportler zu Dopingmitteln greifen. Haben sie eine unklare oder eine Doping befürwortende Haltung, steigt die Wahrscheinlichkeit des Dopings an. Und dass damit eine der wichtigsten Regeln des Sports gebrochen wird.
aus:
Sport ohne Doping, Nicole Arndt, Andreas Singler, Gerhard Treutlein, Juni 2004, ISBN: 3-89152-485-4, Seite 24)
http://74.125.39.104/search?q=cache:6LJP...ent=iceweasel-a
als pdf:
http://www.dsj.de/downloads/Publikatione...tohneDoping.pdf
(Falls urheberrechtliche Bedenken wegen der längeren Posts bestehen, kann ich Genehmigung vorlegen!)
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und dazu spezieller, aktuell auf den Giro 2008 bezogen:
" ... Junge Männer im Alter von 22 bis 27 wirbeln die Hierarchien im Radsport durcheinander. Das betrifft die Szenerie der Sprinter wie die der Ausreisser. Die grossen Kilometerfresser der letzten Jahre, etwa Jens Voigt (36-jährig) oder Rik Verbrugghe (33), werden von glattgesichtigen Jünglingen in den Schatten gestellt. So lieferten sich am Donnerstag Matthias Russ und Giovanni Visconti (beide Jahrgang 1983) auf der nach Fahrer-Protesten von 265 km auf 232 km gekürzten Etappe nach Peschici ein spannendes Duell um das rosa Trikot. ...
Pawel Brutt, ein 26-jähriger Russe aus St. Petersburg, hatte ... die fünfte Giro-Etappe gewonnen - vor dem neuen Stern des Gerolsteiner Rennstalls, dem ausgerechnet in Gerolstein geborenen 22-jährigen Johannes Fröhlinger. ...
Daniele Bennati. Der 27-jährige Italiener, ... hat in den ersten sechs Etappen des Giro schon einen ersten und einen dritten Platz erkämpft. ...
In dem Alter, in dem Bennati noch mucksmäuschenstill war, kennt der Brite Mark Cavendish keine Furcht. Der 22-jährige Sprinter des T-Mobile-Nachfolgers High Road hält sich selbstbewusst für den «explosivsten Fahrer auf den letzten 300 Metern». Der Giro d'Italia bestätigt seine Worte. ...
So gesehen mausert sich der Giro zur Bühne der Zukunft des internationalen Radsports."
aus:
16. Mai 2008, Neue Zürcher Zeitung, "Ein Jungbrunnen, Am Giro d'Italia dominieren Fahrer mit achtziger Jahrgängen"
http://www.nzz.ch/nachrichten/sport/aktu...n_1.735045.html
Oder Jussi Veikkanen:
Giro-2006 70ter GW
Giro-2007 44ter GW
Giro-2008 in den ersten 20 der GW
Shiutsou könnte auch noch kommen.
Sind das auch erste Anzeichen eines dopingfreieren Profi-Radsportes? Schön wäre es!
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Diese Fahrer sind beim Giro 2008 bis 15.05.2008 bereits ausgeschieden:
Maximiliano Richeze, CSF Group-Navigare, Positiver Dopingtest
Igor Astarloa, Team Milram, Fieber, Magenprobleme
David Zabriskie, Slipstream-Chipotle, Sturz (Lendenwirbelbruch)
Bradley McGee, Team CSC, Sturz (Schlüsselbeinbruch)
Stuart O`Grady, Team CSC, Sturz (Schlüsselbeinbruch)
Dominique Cornu, Silence-Lotto
Tom Stubbe, Française des Jeux
Nick Nuyens, Cofidis, Sturz (Schlüsselbeinbruch)
Rene Mandri, Ag2r, Sturz (Rippenbrüche, Lungenverletzung)
Enrico Poitschke, Milram, Erkältung
Kevin De Weert, Cofidis
Schon eine ganze Menge. Die vielen Stürze fallen auf - auch vor dem Giro schon, die ganze Saiason.
Ist das (AUCH) ein Ausdruck einer zunehmenden Uneinigkeit im Peloton.
Ein Kampf Jung gegen Alt, Altes Eisen gegen eine junge Generation,
"Doping-Traditionalisten" gegen "junge Wilde", die den Sport, den ehrlichen, sportlichen Wettkampf wieder entdecken?
Schön wäre es!
Obwohl auch beim mir "aus enttäuschter Erwartung im Zuge der vergangenen 15 Jahre erwartete Enttäuschung geworden ist (Zitat eines auch hier schreibenden Users)", will ich jeden Zipfel der Hoffnung aufgreifen der sich bietet, auch wenn er erst einmal in schlechten Nachrichten, mehr Stürze, Doping-Fälle etc. liegt.