Geschrieben von Wolfzge am 04.01.2003 um 14:38:
Interview H.Holczer
Da die Webmistress momentan umzieht,krank und vergesslich ist
stell ich das Interview hier rein,verlinken geht auch nicht.
Ein Jahr voller Geburtstage für Hans Holczer
Das Büro ist neu. Großer Schreibtisch, ein Schrank. Ordner, ein paar Andenken. Hier, im Haus direkt neben seinem Radsport-Laden, kann Hans Holczer in Ruhe arbeiten. Und Arbeit gibt es genug. Fast zu viel. "Urlaub", sagt der Chef der Profi-Radler vom Herrenberger Gerolsteiner-Team, "hatte ich das ganze Jahr noch keinen."
Und auch wenig Zeit zur Muße. Um einfach mal nachzudenken, was passiert ist im Jahr 2002. Erst jetzt, zwischen Weihnachten und Silvester, lehnt sich Hans Holczer zurück. Im neuen Ledersessel. Er macht das Handy aus. Einfach mal abschalten. Zwei Stunden gibt er uns, vielleicht ein bisschen länger. Das muss reichen - für ein Jahr voller Geburtstage.
Es ist die Nacht zum 15. Juni. Bis dahin hat Familie Holczer stets auf der Überholspur gelebt. Gas gegeben, selten in den Rückspiegel geschaut. In dieser Nacht stellt das Leben ein Stopp-Schild auf. Sohn Florian, damals 19, kommt zwischen Tailfingen und Nebringen von der Straße ab. Ein früherer Nachbar weckt Hans und Renate Holczer. Sie sind an der Unfallstelle, als Florian dort noch erstversorgt wird. Fünfeinhalb Wochen liegt er danach im künstlichen Koma. Die Ärzte machen wenig Hoffnung, zumindest Folgeschäden, heißt es, werden bleiben. Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Inzwischen ist Florian wieder gesund. "Es war der Schicksalsschlag überhaupt für uns", sagt Hans Holczer, "und wir hatten das Glück unseres Lebens."
Denn nur wenige Eltern erleben, wie ihr Sohn ein zweites Mal geboren wird.
Vieles hat sich relativiert in der Zeit der Ungewissheit. Was ist schon der Erfolg in einem Radrennen im Vergleich zu einem Sieg im Kampf ums Leben? Aber der Sport, die Arbeit, die Verantwortung, die Hektik, das alles hat auch geholfen. Hans Holczer (GB-Fotos: Schmidt) ist gewohnt, mit Stress umzugehen. "Schlafstörungen", sagt er, "habe ich keine mehr."
Das kann auch anderweitig nicht schaden. Denn Holczer ist nicht nur Vater von drei Kindern, sondern auch Oberhaupt einer Radsport-Familie. Seit Jahren schon. Erst beim RSV Öschelbronn, später halb-professionell, dann hauptberuflich. Die Anfänge sind längst vorbei. Doch 2002 entstand Neues - die Geburt einer fantastischen Mannschaft. Was nicht einfach gewesen ist. Eher eine Art Kaiserschnitt. Mühsam ging es los. Doch am Ende lief es wie von selbst. 33 Siege in einer Sportart, in welcher der Zweite erster Verlierer ist. Erfolgreichstes Team in Deutschland. Unter den besten zehn der Welt. Qualifikation für die Tour de France. Pollack, Peschel, Rich nach Telekom-Sprinter Zabel die stärksten Deutschen. "Das soll mir mal einer nachmachen", sagt Hans Holczer, "wir haben das Geld ja nicht im Überfluss."
Geld. Über Geld spricht man nicht. Wie hoch der Etat ist? Spekulation. Wie viel Sponsor Gerolsteiner, ein Mineralwasser-Abfüller, sprudeln lässt? Holczer lächelt. Er selbst hat nicht geglaubt, so weit nach vorne zu kommen. In den Top-Club, zu dem Telekom nicht mehr gehört. "Ich hätte geschworen, dass so etwas nur mit exorbitanten finanziellen Mitteln geht." Es geht auch anders. Klar, das Gerolsteiner-Team muss nicht darben. Neuester Einkauf ist ein Material-Laster. Doch andere investieren weit mehr, um viel weniger zu erlösen. Wäre Holczers Team eine Aktiengesellschaft, dürften die Anleger ihre Gewinne zählen. "In der Relation der erzielten Punkte zum Gesamtetat", erklärt der Chef, "gehören wir zu den drei erfolgreichsten Mannschaften der Welt."
Hans Holczer ist stolz. Auf Siege und Punkte, die nicht nur die der Fahrer sind. Sondern auch seine. Der 49-Jährige hat den Lehrer-Job aufgegeben, sein Leben geändert. Er lebt vom Radsport, aber vor allem für den Radsport. Diese Mannschaft ist sein Werk. Ehrgeizig hat er dran geschafft, sein Team zu etablieren. Aber auch sich selbst. Es ist gelungen. Eindrucksvoll. Wenn es um Radsport geht in Deutschland, ist Hans Holczer fast immer gefragt. Und er weiß stets die richtige Antwort. Der Medien-Profi genießt es, in der Öffentlichkeit zu stehen. Er hat etwas zu sagen. Nach außen. Und nach innen. Ihm redet keiner drein. "Ich hatte beim RSV Öschelbronn eine harte Schule. Mit Pseudo-Kennern, die erzählten, was ich zu tun habe", meint Hans Holczer, um einen Seitenhieb nie verlegen, "diese Streitereien am Stammtisch sind zermürbend."
Jetzt wird höchstens noch am Küchentisch diskutiert. Mit Ehefrau Renate, seiner besten Mitarbeiterin. Oder am Handy, mit den Sportlichen Leitern Rolf Gölz und Christian Henn. Sie alle drehen mit am großen Rad. Inzwischen rufen Weltklasseleute an, die bei Gerolsteiner fahren wollen. Für zehn Prozent dessen, was sie wert sind. Auch im Radsport gibt es viele Arbeitslose. Doch Hans Holczer will nicht weg vom eingeschlagenen Weg. Gut, mit Davide Rebellin hat er einen der Besten überhaupt geholt. Ansonsten gilt: "Wir kaufen keine Punkte, sondern Potenzial."
Damit ist Hans Holczer gut gefahren. Bisher. Und künftig? Hat der Radsport-Manager sein Ziel erreicht? "Ich glaube, noch lange nicht", sagt Hans Holczer. Es wird zwar schwer, 2003 ähnlich erfolgreich zu sein. Aber die Tour de France ist Herausforderung und Chance zugleich. "Wir wollen nicht nur dabei sein", erklärt der Herrenberger, "sondern etwas reißen."
Hans Holczer wird - so sieht es von außen aus - selten von Selbstzweifeln geplagt. Aber, und das schätzen die Fahrer, er steht zu seinem Wort. Das Medien-Interesse, die süßen Siege, die Ansprüche des Sponsors, die Tellerwäscher-Story vom ehemaligen Amateur-Trainer, all das motiviert den Rastlosen. Aber am meisten sind es Versprechungen. Finanzielle und moralische. Ein Rad-Profi unterschreibt nur dann bei einem Team, wenn er Potenzial sieht. Für sich, für die Mannschaft. Hans Holczer bietet diese Perspektiven. "Mit jedem Fahrer entwickelt sich eine Vision. Diese will ich erfüllen. Das bin ich mir auch selbst schuldig."
Vielleicht ist dies das Erfolgsgeheimnis von Hans Holczer - und damit vom gesamten Team. Gerolsteiner hat ein tolles Jahr hinter sich. Familie Holczer auch. Ronny Scholz, einer der Fahrer und mit Tochter Vanessa liiert, hat den Chef gleich noch zum Opa gemacht. Fabiano heißt der Enkel. Mehr Glück geht fast nicht.
Lokalpresse "Gäubote" Herrenberg
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