Geschrieben von spitzer am 19.09.2003 um 14:21:
Udo Bölts sagt Adieu
Leidenschaft und Leidensfähigkeit: Udo Bölts sagt Adieu
HELTERSBERG (dpa-AFX) - "Quäl dich, du Sau"! Mit diesem - selbst unter
Atemnot leidend - herausgepressten und berühmt gewordenen "Befehl" an seinen
Chef Jan Ullrich gilt Udo Bölts als Königsmacher für dessen Tour-de-France-Sieg
1997. Beim Anstieg zum "Grand Ballon" in den Vogesen, als dem Träger des Tage
zuvor in den wesentlich steileren Serpentinen von Andorra errungenen Gelben
Trikots die Puste auszugehen drohte, stellte der pfälzische Vorzeige-Radprofi
seine überall geschätzten Qualitäten unter Beweis: Großes Kämpferherz und
starker Charakter. Tausende von Hobby-Radler haben sich diesen Kultspruch zu
Eigen gemacht, manch einer sogar gegen drohende Antriebsschwächen im Alltag aufs
Handy geladen.
Nur wer dienen kann, kann herrschen. Dieses Prinzip hat Udo Bölts früh
begriffen und bis heute verinnerlicht. Der Edel-Domestike, dem den deutschen
Rekord von zwölf Tour-Teilnahmen auf ewig wohl niemand mehr nehmen wird, geht
bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt in diesen Tagen auf seine persönliche "Tour
d'Honneur". Die Ehrenrunde des 37- Jährigen führt auch ihm zu Liebe an diesem
Samstag gegen 15.00 Uhr durch seinen Heimatort Heltersberg.
UNTER DEM SCHEFFEL
Dort werden sie ihm jene Ovationen bereiten, die ihm in den Radsport-Ländern
Frankreich (Tour) oder Italien (Giro) anerkennend entgegen schlugen. In
Deutschland, das nach der "Gelb-Sucht" eines Didi Thurau oder Ullrich meist nur
Siegern Ruhmeskränze zu flechten pflegt, stand die Rad-Kompetenz eines Udo Bölts
meist nur unter dem Scheffel. Schmerzensmann Bölts war vielleicht allzu bereit,
sich selbst zurückzunehmen - und damit möglicherweise manchen Sieg zu
verschenken.
Einer wie Bölts hatte auch immer das richtige Gespür für die eigenen
Grenzen. Deshalb wusste er auch: Allein bist du nichts. So sah und sieht er auch
die Rolle des Kapitäns eines Teams, dem er sich ohne Gesichtsverlust unterordnen
konnte, um diesem zum Erfolg zu verhelfen. Im neidlosen Verzicht lag seine
Größe.
SPEZIELLER SIEGERTYP
Ein Beispiel seiner Bescheidenheit: Bölts reagierte geradezu erstaunt, als
er 1992 bei der Baskenland-Rundfahrt sein großes Idol, den spanischen Bergkönig
Pedro Delgado, auf der "Königsetappe" hinter sich ließ. Gleiches gelang ihm im
selben Jahr beim Giro d'Italia. Udo Bölts wurde auf seine ureigene Art zum
speziellen Siegertypen. Den Sieg über sich selbst, das Überwinden von Grenzen
stellte er stets in den Vordergrund. So auch, als er beim Ironman 2000 auf
Hawaii, den er knapp zwei Stunden hinter dem Sieger beendete, seine
Leidensfähigkeit überprüfte.
Mit dem Leiden soll es für den leidenschaftlichen Rad-Profi, der alle seine
zwölf Frankreich-Rundfahrten unter dem Triumphbogen von Paris beendete - 1994
wurde er Neunter - nun ein Ende haben. Nach vier Amateur- und 14 Profijahren
nimmt der "Quälgeist" aus Heltersberg, über den sein früherer Telekom-Teamchef
Walter Godefroot sagte "der geht nie kaputt", in der Heimat seinen
Hut./sz/DP/she
---Von Christina Kapp und Reinhard Schwarz, dpa---
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